In Amalfi ist es, wie es isst: Wenn Zitronen blühen, kann niemand sauer sein

Postkarten-Kitsch für Kulinariker an einer der vielen schönsten Küsten Italiens: Der Connaisseur wird ganz demütig, die beste Ehefrau von allen navigiert ihn zielsicher und Die Cuisinière kommentiert die gastronomischen Höhenflüge fachlich aus der Ferne.

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Ein Korb voller Zitronen, Amalfi, Italien
In Amalfi ist es, wie es isst: Wenn Zitronen blühen, kann niemand sauer sein© Foto von Bruno Ngarukiye auf Unsplash

Der Connaisseur hatte die Küste der Sirenen einmal als Jahresvorsatz abgespeichert: „Wir fahren an die Amalfi-Küste, wenn es nicht nach Instagram schreit.“ Das ist die elegante Umschreibung für: Winter. Wind, 9 Grad. Und die Erkenntnis, dass sein italienisches Vokabular („un tavolo, per favore“) nicht ausreicht, wenn die Hälfte der Lokale Winterschlaf hält.

Hier – und nicht wegen der Sirenen – kommt die beste Ehefrau von allen ins Spiel. Sie fährt nicht nur Auto (wichtig), sie fällt auch Entscheidungen (noch wichtiger), und ist kulinarisch gesehen bereits eine Art Aufsichtsrat. Während Der Connaisseur sich an den Gedanken klammert, dass man mit Stil auch frieren kann, hat sie längst zwei Fixpunkte auf ihrer Route verankert: zwei Bib Gourmands. Keine Sterne-Orgie. Keine Teller-Akrobatik. Sondern Küche, die sich traut, nach Küche auszusehen.

Die Amalfi-Küste im Winter ist wie ein Sommerfilm auf Pause: Lo Sfusato Amalfitano, die Zitronen der Amalfiküste duften, das Meer glitzert – aber die Straße tut so, als wäre sie ein mittelalterlicher Eselspfad mit EU-Förderung. Der Connaisseur reist diesmal unter Aufsicht seiner Frau, die nicht diskutiert, ob man reserviert, sondern nur wann. Die Cuisinière bleibt derweil daheim – und kommentiert fachlich aus der Distanz: „Sirenen-Alarm“, ist er mutig, aber nur ob der Ferne.

Der Connaisseur behauptet, er liebe „Slow Travel“. Die Gattin nennt es korrekt „Stau“. In Wahrheit ist die Küstenstraße ein kulinarischer Filter: Wer es bis zum Tisch schafft, hat sich den ersten Gang redlich verdient – ganz ohne Sportuhr.

Der Connaisseur fand’s herrlich ironisch: Nicht alles ist offen, aber überall blühen Zitronen, als hätte sich der Sommer einfach heimlich die leichte Winterdaune übergeworfen.

Die feinen Michelin-Sterne-Restaurants halten zwar Winterschlaf, das ist dem Connaisseur aber sowieso recht. Er stürzt sich lieber in die gemütlichen Bib-Gourmand-Tempel, wo es weniger Chichi und dafür umso mehr ehrliche Küche gibt. Zwei dieser heimeligen Winteroasen hat er auch getestet.

Die Cuisinière (aus der Ferne, mit Küchenmesser im Anschlag): „Bib Gourmand ist die Michelin-Kategorie, bei der die Küche gewinnt – und nicht das Ego. Wer im Winter an der Amalfi isst, will keine Show, sondern eine Decke aus Olivenöl.“

Der Connaisseur ist ergriffen ob der Cuisinières verdecktem Lob. Und doziert weiter: “ Winter an der Costiera ist eine Art geheime Nebenbühne. Die Zitronen blühen mit einer Unverschämtheit, als hätten sie die Jahreszeiten nie unterschrieben. Capri liegt irgendwo drüben wie ein teurer Gedanke. Neapel ist „ums Eck“, was in Kampanien bekanntlich bedeutet: theoretisch nah, praktisch Schicksalsfrage.

Denn selbst wenn die sommerlichen Touristenmassen im Jänner (je nachdem, wie sehr man das Schicksal herausfordert) weniger sind: Die Straße bleibt, wie sie ist – eine schmale, kurvige Verhandlung zwischen Fels, Meer und italienischer Auffassung von Zeit. Ergebnis: 25 Kilometer, eine Stunde.

Dann kommt Cetara. Der Ort wirkt im Winter so, als hätte jemand den Sommer kurz auf „Leise“ gestellt, aber die Zitronen nicht darüber informiert. Es ist eines dieser Dörfer, die so aussehen, als wären sie aus Zitronenschalen gebaut: eng, steil, salzig. Und dann dieses Gebäude: ein ehemaliger Konvent, der heute genau das tut, was Konvente seit jeher tun – Menschen erlösen. Früher spirituell, jetzt kulinarisch: „Al Convento – Casa Torrente“!

Das Lokal wirkt, als hätte man die Zeit nicht restauriert, sondern nur höflich gebeten, sich hinzusetzen. Und plötzlich steht da diese Vitrine mit Fisch, der nicht „frisch“ schreit, sondern still überzeugt.

Der Connaisseur bestellt sich durch das Meer (wie immer mit dem Gestus, er hätte Cetara erfunden). Ein Blick zur Auslage (hier nicht metaphorisch, sondern eisgekühlt real) klärt die Prioritäten.

Auf den Tisch kommen Klassiker, die man in der Gegend nicht Seafood nennt, sondern einfach Essen. Rohes aus dem Meer („Crudo“ um 40 Euro), das in seiner Schlichtheit riskant ist: Wenn das Produkt nicht stimmt, hast du nichts, worunter du es verstecken kannst. Hier stimmt es – und zwar so, dass selbst Der Connaisseur kurz still ist.

Dann: Fisch (750 g um 52,50 Euro) als Secondo, dazu Verdure brace (10 Euro) und Patate forno (8 Euro). Keine Überraschungen, aber perfekte Gargrade – diese Art von Perfektion, die nicht glänzt, sondern trägt. Wer im Winter isst, merkt plötzlich, wie wichtig Wärme ist: nicht als Temperatur, sondern als Gefühl von richtig gemacht.

Neuer Tag, neuer Ausflug. Und die Zitronen blühen weiter, als würden sie einen eigenen Kalender führen. Der Connaisseur fährt Richtung Sant’Agata sui Due Golfi – jener Ort, der klingt, als hätte man zwei Postkarten zusammengeklebt und „Dorf“ darüber geschrieben. Oben über Sorrent sitzt „Lo Stuzzichino“: warm, lebendig, null geschniegelt – und genau deshalb gefährlich, weil man plötzlich alles probieren will. Die Familie De Gregorio erzählt auf der Karte nicht von Konzepten, sondern von Tradition und Gastfreundschaft (und das spürt man).

Schon die ersten Stuzzichini (kleine Grüße aus der Küche) sind eine klare Ansage: Frittiertes, Brot mit Tomate und Basilikum, etwas Cremiges, etwas Knuspriges – keine Moleküle, nur klare Texturen.

Der Connaisseur bestellt „Menu Tradizione“ (60 Euro) – weil er im Urlaub gerne so tut, als wäre er Stammgast. Und ordert erneut einen Falanghina (30 Euro), der Italiener hat es ihm angetan.

Dazu gleich Polpette in Tomatensauce: ein Gericht, das jeder für banal hält, bis es gut gemacht ist. Dann ist es plötzlich nicht mehr banal, sondern eine Lektion. Die Sauce schmeckt nach Tomate (nicht nach Zucker), das Fleischballal sprich Polepetti ist saftig, und das Basilikum sitzt da wie ein Punkt am Satzende.

Später kommen Ravioli mit Muscheln: Pasta, die nicht „al dente“ sagt, sondern es ist. Die Muscheln sind nicht als Deko obenauf, sondern Teil des Geschmacks, und die Sauce hat genau diese salzige Tiefe, die man nicht herstellt – die man nur zulässt.

Und dann der Fisch: Spigola (Wolfsbarsch) mit Zitrus. Hier ist es ein Balanceakt: Säure, Öl, Gargrad. Der Connaisseur nickt bedeutungsvoll, als hätte er die Zitronen persönlich gepflückt.

Zum Finale gibt’s erneut Zitrone – natürlich. (Die Cuisinière ist im Off schon selbst ganz zitronig, man kann auch basisch sagen.) Eine Creme, die nicht sauer sein will, sondern elegant.

Und dann passiert das, was in Italien immer passiert, wenn du glaubst, du bist fertig: jemand bringt eine Flasche, die länger ist als dein Selbstbewusstsein. Der Hausherr grinst, Der Connaisseur wird wieder groß, und die beste Ehefrau von allen fragt nur: „Ist das trinkbar oder erzählbar?“ – Simple Antwort: beides.

Resümee

  • Al Convento

    veröffentlicht am 21. Feb. 2026
    5.5 / 7
    Der Connaisseur: 5.5CuCs

    Kein Theater. Nur Meer. Solide Garungen, klare Handschrift. Ein Lokal, das nicht m Applaus bittet – und genau deshalb bekommt es ihn.

  • Lo Stuzzichino

    veröffentlicht am 21. Feb. 2026
    5.5 / 7
    Der Connaisseur: 5.5CuCs

    Klassiker, sauber gebaut. Tradition, die nicht nach Gestern schmeckt.

Lokale

Al Convento Casa Torrente

Piazza S. Francesco, 16, 84010 Cetara, Italien
  • Guide Michelin
  • Website

Lo Stuzzichino

Corso Sant'Agata, 80061 Sant'Agata sui Due Golfi, Italien
  • Guide Michelin
  • Website
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